Termine
| wöchentlich | Dienstag | 14:15 - 15:45 | 09.04.2026 - 09.07.2026 | C 40.108 Seminarraum |
Studienplankontext
Wiederholungstermin: Zu dieser Prüfung wird kein Wiederholungstermin angeboten, da sie didaktisch untrennbar mit einer der zugeordneten Lehrveranstaltungen verbunden ist. Die Wiederholung der Prüfungsleistung ist somit erst bei erneutem Modulangebot möglich.
Organisatorisches
Anmeldung
Die Anmeldung endete am 07.4.2026 um 23:59 Uhr
Personen
Inhaltliches
Der erste Teil der Trilogie von Daniel Defoe, The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe; of York; Mariner, erscheint 1719. Über die Wege von mehreren Auflagen und Raubkopien rasch verbreitet bedeutet dieser literarische Text nicht nur den Auftakt einer einflussreichen Tradition des Romans in England, denn bald entstehen europaweit sogenannte Robinsonaden: Der Erfolg ist so groß, dass ein ganzes Subgenre entstanden ist, kurz: ein Roman der Frühaufklärung wird zum Mythos.
In diesem Seminar fragen wir uns, inwieweit Defoes Roman einen früheren Text überschreibt und was das Umschreiben dieses Romans von Seiten von südafrikanischen und karibischen Autoren mit dem Mythos Robinson Crusoe anstellt: Sowohl die Vor- als auch die Nachgeschichte des Robinson Crusoe lassen sich als palimpsestartige Überlagerungen beschreiben.
Defoe selbst schreibt zu einem Zeitpunkt, an dem seit Jahrzehnten die philosophische Erzählung eines islamisch-andalusischen Gelehrten aus dem 12. Jahrhundert Furor macht: Ibn Tufails Ḥayy ibn Yaqẓān, 1671 zum ersten Mal seit Jahrhunderten ins Lateinische und von da aus mehrmals ins Englische übersetzt, erzählt von einem vermeintlichen Naturmenschen, der auf einer Insel von einer Gazelle großgezogen wird und selbstständig lernt, bis er Philosoph und Mystiker wird. In philologischer Hinsicht spricht einiges dafür, dass Defoe diesen Text in einer der verfügbaren Übersetzungen gekannt hat. Robinson Crusoe mit der Linse von Ḥayy ibn Yaqẓān erweist sich jedenfalls als eine bereichernde Erfahrung dahingehend, dass gerade die Parallelen zwischen beiden Erzählungen möglich machen, große Unterschiede hervorzuheben, die vom konzeptionell zentralen Setting der einsamen Insel bis hin zur Begegnung mit einem anderen Menschen bzw. mit dem Anderen reichen.
Als ‚Mythos‘ verfügt Defoes Roman ebenfalls über eine umfassende und komplexe Nachgeschichte, die in dem Moment interessant wird, in dem (feministische und) postkoloniale Umdichtungen des Romans auf den Plan treten. Michel Tournier hat schon 1967 mit Vendredi ou les limbes du Pacifique den jungen Kariben Friday in den Vordergrund gestellt und ein Stück weit die koloniale Rahmung von Defoes Vorlage dekonstruiert. Entscheidende Impulse werden dann in den 1980er Jahren vom südafrikanischen Schriftsteller J.M. Coetzee mit Foe (1986) und später mit dem Schriftsteller Patrick Chamoiseau aus Martinique L’empreinte à Crusoe (2012; Üb.: Die Spur des Anderen) kommen. Der Mythos Robinson Crusoe vermengt sich mit der Geschichte des Apartheids und kehrt im frühen 21. Jahrhundert in die Karibik zurück, wo die Insel ihr Recht geltend macht, Besitz von ihrem Bewohner zu ergreifen.
Ziel dieses Seminars ist es, konkret an Corpora (literarische Texte) heranzuführen, die sehr konkret transkulturelle Verflechtungen und postkoloniale Gegenentwürfe eines der großen Mythen der 'westlichen Moderne' vor Augen führen. Methodologisch ermöglicht das Seminar zudem, erstens, das aktive Arbeiten mit Grundkategorien der Literaturtheorie wie das Palimpest, zweitens den Einstieg in die Praxis des Close Readings, drittens, ein tieferes Verständnis dessen, was die Methode des Vergleichs leistet.
Evaluation
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