Termine
| wöchentlich | Dienstag | 14:15 - 15:45 | 13.10.2026 - 29.01.2027 | C 12.013 Seminarraum |
Studienplankontext
Schriftliche Ausarbeitung (50%)
Wiederholungstermin: Zu dieser Prüfung wird kein Wiederholungstermin angeboten, da sie didaktisch untrennbar mit einer der zugeordneten Lehrveranstaltungen verbunden ist. Die Wiederholung der Prüfungsleistung ist somit erst bei erneutem Modulangebot möglich.
Organisatorisches
Anmeldung
Die Anmeldung beginnt erst am 02.10.2026 um 08:00 Uhr. Sie endet am 12.10.2026 um 23:59 Uhr
Die Anmeldung ist eingeschränkt auf folgende Gebiete oder Studiengänge:
- Leuphana Bachelor / Major Environmental and Sustainability Studies (bis Studienbeginn WiSe 25/26) / nur ab Semester 7
- Leuphana Bachelor / Major Umweltwissenschaften (bis Studienbeginn WiSe 25/26) / nur ab Semester 5
- Leuphana Bachelor / Major Global Environmental and Sustainability Studies (bis Studienbeginn WiSe 25/26) / nur ab Semester 5
- Leuphana Bachelor / Major Studium Individuale / nur ab Semester 3
- Leuphana Bachelor / Minor Studium Individuale / nur ab Semester 3
Diese Veranstaltung gehört zum Cluster »Major_UWI_GESS_ENVI_Electives«.
In diesem Cluster sind während der Losphasen 2 Wahlmöglichkeiten zugelassen.
Personen
Inhaltliches
Die Entwicklungen auf dem Gebiet der generativen KI sind überaus bemerkenswert. Da kommen paar Leute mit ein paar unscheinbaren Ideen um die Ecke, deren Ausleuchtung und Erforschung schwer zu kommunizieren war, wie ein Schwelbrand ohne Rauchmelder. Heute steht die ganze Hütte in Brand, einschließlich der Speisekammer.
Das Feuer der KI hat längst auch die Universitäten erfasst. Vielleicht gilt in Bezug auf Nachhaltigkeit “Back to the roots”? Wenn man sich die den 1990er Jahren mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit befassen wollte, studierte man KuWi und vertiefte sich in Öko-KuWi, und man wurde zum Öko-KuWi. Studiert man in Zukunft Nachhaltigkeits-KI? Zur Nachhaltigkeits-KI kann man aber nicht werden, aber man kann sie aufbauen, anpassen, mit Daten füttern usw. Das klingt ein wenig dystopisch, was aber immer schon bei KI galt.
Dabei ist es so, dass das Verhältnis von Gesellschaft und Computer von disruptiven Veränderungen ungefähr alle 15 Jahre geprägt gewesen ist: der Personal Computer, das Internet, Social Media. Der Unterschied besteht traditionell darin, dass die bisherigen Veränderungen erst mal mit Utopien verbunden worden sind: Dein eigener Computer, von Raum und Zeit entkoppelte Kommunikation, mit dem bemerkenswerten Hinweise, dass der Computer niemals die „echte“ Face-to-Face-Kommunikation ersetzen kann.
Diese Disruptionen haben in Bezug auf künstliche Intelligenz einen Effekt gehabt, auf den Sybille Krämer in den 1990er Jahren hingewiesen hat. Die KI wird nämlich mindestens seit den 1950er Jahren diskutiert. Sie stellte in den 1990er Jahren fest: „Die suggestive Kraft der Vision ‚Künstliche Intelligenz‘ verblaßt.“ (S.83). Und später spricht sie vom Mythenwechsel von der künstlichen Intelligenz zur künstlichen Kommunikation (S. 87). Die Erleichterung kann man sich vorstellen. Doch nun - 2026 - ist die KI wieder da, einschließlich der Frage, was an die Technik delegiert werden kann und was dem Menschen verbleibt (S. 86). Da stehen wir nun.
Aber Sybille Krämer will noch auf etwas anderes hinaus. Der Begriff des Künstlichen enthält implizit stets das, was für die künstliche Kommunikation gilt: Das Nicht-Künstliche des Menschen ist der Maßstab, mal bei der Kommunikation, mal bei der Intelligenz, und wir versuchen, das Künstliche auf einer eindimensionalen Skala zu verorten. Bei der Kommunikation konnten wir die Face-to-Face-Situation zum Ideal erklären, bei der KI sind wir uns nicht mehr ganz sicher. Manche selbsternannte Experten diskutieren die Frage, ob die Maschine darüber hinausschießt: Superintelligenz und ähnliche Spekulationen.
Das Neue des Computers besteht nach Sybille Krämer in seiner Andersartigkeit, und das Künstliche, die Kommunikation und die Intelligenz sind Metaphern, bei denen im Grunde unklar ist, ob sie überhaupt hilfreich sind. Der Computer arbeitet völlig anders als das, was der Mensch sonst so entwickelt, und dringt zugleich zeitnah in die Alltags- und Lebenswelt der Menschen ein: heutige Smartphone in der Hosentasche sind ungefähr 100.000x so leistungsfähig wie die Supercomputer der 1970er Jahre. Krämer spricht von Monstrosität der andersartigen Maschine (S. 86), und dennoch ist der Rechner genau das: ein Rechner. Die Informatiker:innen würden sagen: Es bleibt eine Turing-Maschine, mehr geht nicht.
Was das Andersartige ausmacht, besteht darin, dass es dem Menschen gelungen ist, dass diese einfachen Rechner Berechnungen in unfassbarem Umfang in unfassbar hoher Geschwindigkeit vornehmen. Wenn uns erklärt wird, wie die generative KI so funktioniert, dann erfahren wir, dass die KI immer nur das nächste Wort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit berechnet – und damit das funktioniert, wird sie mit möglichst allen Texten gefüttert, die uns so zur Verfügung stehen.
Vor vielleicht 15 Jahren haben dann Programmier:innen und Firmen gesagt: OK, das probieren wir mal aus, mal sehen, was das bringt. Vielleicht kann man ja den Menschen beim Eintippen von Messages unterstützen und passende Vorschläge machen (kennen wir nun). Sicher waren sie überrascht, als sie mit dem Ergebnis herumexperimentierten: Die (englische) Grammatik stellt kein Problem dar (was allein schon sehr erstaunlich ist), Zusammenfassungen von etablierten Wissensgebieten klingen richtig gut (hätte man selbst kaum besser hinbekommen), Regeln, Vorschriften und Routine werden sowohl beachtet als auch erzeug... Da drängt es sich auf, von generativer KI zu sprechen.
Zugleich kann man die Experimente, welche die Entwickler:innen mit den ersten Prototypen gemacht haben, nun auch nachvollziehen - und das nach wenigen Jahren (seit 2025 bereits mit der Google-Suche). Das mache ich gern mal. Neulich in Lüneburg, ich muss etwas warten, höre ich einen interessanten Satz – und der ging mir nicht aus dem Kopf: Was ist gemeint, wenn jemand sagt: Ich hätte gern eine Studenten-Pause? Ich habe einfach Gemini gefragt. Die Antwort: Wenn jemand sagt, er hätte gern eine „Studenten-Pause“, ist damit meist ein Urlaubssemester gemeint. Dies ist eine offizielle, von der Hochschule genehmigte Unterbrechung des Studiums für die Dauer eines oder mehrerer Semester. Das konnte irgendwie nicht stimmen, denn das haben Mitarbeitende des Leuphana-Hausdienstes beim Bäcker gesagt.
Vor diesem Hintergrund können im Seminar folgende Inhalte abgedeckt werden:
• Verstehen der Geschichte und der verschiedenen Interpretationen und Formen von KI
• Das Künstliche, die künstliche Kommunikation und vor allem die künstliche Intelligenz als Metaphern, welche das Ausmaß des Rechnens einer Maschine verbergen
• Von der Mühsal, (menschliche) Intelligenz zu erwerben, und die (stets als problematisch angesehene) Auslagerung auf Maschinen (schon beim Taschenrechner)
• Die aktuelle Form der KI: generative KI; Verstehen der Ideen dahinter: Berechnung des nächsten Worts; Fragen der Korrektheit: Was ist richtig? Korrekte Berechnung vs. Korrekte inhaltliche Antworten
• Nicht die Andersartigkeit der Maschine (Krämer) sondern die Andersartigkeit des Menschen: die Situiertheit, die Geworfenheit, die verschiedenen Formen des Handelns, das Entstehen einer eigenen Lebensgeschichte, …
• Das wiederkehrende Überschätzen der KI und die Simulation des Verstehens, bereits bei Weizenbaum, daraus resultierende Befürchtungen und Dystopien, Gefühle der Obsoleszenz (wir werden durch Maschinen ersetzt), KI-Forschende als selbsternannte Angstmacher:innen
• Soziale Systeme (Luhmann) als spezielle Formen der Routinisierung und der Zugriff der KI auf die routinierten Prozesse: KI als Gegenmittel zur Bürokratisierung
• Zugriff der Maschine auf Wissensdomänen, etablierte Konzepte und Paradigmen und etablierte Interdisziplinarität, Konsequenzen für der Organisation universitärer Lehre
• Berechnen und Formalisierung: Das Auftreten und (teilweise) Schließen von Formalisierungslücken, Zugriff der Maschine auf alles, was sich routinisieren lässt
• Das selbstgemachte Problem bürokratisierter Bildungseinrichtungen
• Die Bürokratisierung des Sich-Kümmerns um Nachhaltigkeit wie Richtlinien, Stellenbeschreibungen für Umwelt- und Nachhaltigkeitsbeauftragte, das Erreichen oder Ersetzen von Nachhaltigkeit von Regeln, Prinzipien, Vorschriften, Genehmigungen, (Über-) Prüfungen: Zugriff auf die dabei auftretenden Formalisierungslücken? Nimmt uns die KI solche Jobs weg?
• Nutzung von lokalen Large Language Models (LLMs), Personal KI; wir probieren es einfach mal praktisch aus
• Herstellen spezieller Kontexte (Fine-Tuning für bestimmte Wissensdomänen, Request Augmented Generation (RAG), Prompt Stuffing); auch hier: wie probieren es einfach aus
• Handeln von KI vom Erzeugen von Texten/Antworten bis zum Model Context Protocol (MCP)
• Die neue Landplage: AI Slop
Natürlich sind das zu viele Themen für ein Seminar. Die Liste zeigt aber die ganze Bandbreite.
• Verstehen und Einordnen der generativen KI: Was wird da berechnet?
• Verstehen, was für eine Mühsal oder Plackerei uns die generative KI abnehmen kann
• Vermeiden von Fehlentwicklungen im Bereich der Bildung, wenn es um Wissenserwerb und Routinisierung geht: Nicht das Simulieren des Verstehens vorhandenen Wissens, sondern Verstehen vorhandenen Wissens sowie Auskundschaften neuen Wissens und neuer Verbindungen (Tunnel) zwischen vorhandenem Wissen
• Daher auch: Das Verstehen der Unangemessenheit der Frage, was für uns Menschen noch übrigbleibt; Befähigung zum konsequenten Ausnutzen der Andersartigkeit des Menschen, anders formuliert: das Gefühl der Obsoleszenz ist obsolet
• Unsere Rolle im gesellschaftlichen Prozess der Routinisierung und Bürokratisierung: Nicht gestaltet werde, sondern mitgestalten
Krämer, Sybille (1997): Vom Mythos 'Künstliche Intelligenz' zum Mythos 'Künstliche Kommunikation' oder: Ist eine nicht-anthropomorphe Beschreibung von Internet-Interaktionen möglich? In: Münker, S., Roesler, A. (Hrsg.): Mythos Internet, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Falls Sie sich wundern, dass ich gar nicht über Energieverbräuche u.ä. spreche: Meine Einschätzung ist, dass dies ein vorübergehendes Phänomen sein wird. Ich verwende da gern eine Abschätzung aus 2023, die ich bereits erwähnt habe. Wenn man den Energieverbrauch auf eine spezifische Einheit des Rechnens bezieht (Fließkommaoperationen pro Sekunde (FLOPS)), dann bekommen Sie schon Darstellungsprobleme dabei, wie gering der Energieverbrauch geworden ist. Man kann davon ausgehen, dass sich das verlangsamt, aber ein Faktor 10 bis 100 reicht völlig aus, um super-leistungsfähige LLMs auf unseren Laptops laufen zu lassen - und bei der Berechnung der LLMs wird es auch so aussehen. Man stelle sich das bei den E-Autos vor: Batterien mit 1/10 der heutigen Größe bei einer Reichweite von 5000km.
Mich bewegt daher eher die Frage, was es bedeutet, wenn das Rechnen (die Andersartigkeit) um Faktoren von 10, 100 oder 1000 zunimmt. Das ist schon eine unerwartete Konsequenz aus der Befassung mit dem Künstlichen (Krämer): Die Maschine nähert sich nicht immer mehr dem Menschen an (und übertrifft ihn irgendwann), sondern die Andersartigkeit nimmt ständig zu und erschließt der Maschine neue Möglichkeiten - und derzeit ist es die generative KI, die man noch vor 20 Jahren völlig vergessen konnte.
Derzeit (April 2026) lese ich die Ausarbeitungen von Data-Science-Studierenden, und eine Ausarbeitung befasst sich mit AI in Heathcare. da ergeben sich einige Bezüge zum Thema dieses Seminars: (1) Die Studierenden betrachten Heathcare selbstverständlich als Application Domain von AI, und man stellt sich die Frage, ob das so auch bei Nachhaltigkeit so wäre. (2) Der Einsatz von AI dient auch der Dokumentation für die Administration. Gelacht habe ich, als ich gelesen habe, dass dies weniger "risky" sei. Das klingt schon sehr nach Papiertiger. (3) Fast paradox ist eine Schlussfolgerung der Ausarbeitung, dass die Administration eine wichtige Rolle bei Implementation, Integration und Erfolg in verschiedenen Dimensionen spielt. Wenn man auch dies auf Nachhaltigkeit überträgt, dann ist es wahrscheinlich, dass zwar AI-Expert:innen an eine Application Domain denken mögen, dies aber nicht ausreicht. Welche Rolle spielen Expert:innen auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit?
Evaluation
Weitere Informationen zur Lehrevaluation: https://www.leuphana.de/lehre/qualitaetsmanagement/evaluation/lehrveranstaltungsevaluation.html